Als Lucius Burckhardt 1976 mit seinen Studierenden den „Urspaziergang" durch Kassel unternahm, existierten zwar bereits E-Mail und das Arpanet, doch die heutige, nahezu allumfassende Digitalisierung war noch nicht absehbar. Die Spaziergangswissenschaft, oder Promenadologie, ist eine kulturwissenschaftliche Methode, die darauf abzielt, die Bedingungen der Umweltwahrnehmung bewusst zu machen und zu erweitern. Für Burckhardt, der diese Praxis als Professor an der Universität Kassel entwickelte, war sie ein Werkzeug, um die unsichtbaren Ordnungen, Machtstrukturen und gestalterischen Entscheidungen im städtischen Raum sichtbar zu machen. Radikal empirisch stützt sie sich auf leibliche Erfahrung, bewusste Beobachtung und die Störung eingefahrener Wahrnehmungsmuster. Doch lässt sich diese Methode auf digitale Räume übertragen? Lassen sich Plattformen, Apps und soziale Medien – diese neuen, immateriellen Umgebungen – ebenfalls wie eine Stadt durchwandern? Können wir durch achtsame Wahrnehmung auch die Architektur und Mechanismen digitaler Räume hinterfragen?
Diesen Fragen möchte ich nachgehen, indem ich skizziere, wie sich die Prinzipien der Spaziergangswissenschaft auf digitale Umgebungen anwenden lassen. Zwar lassen sich diese Räume nicht physisch betreten, doch erleben wir sie durch technische Geräte wie durch eine mediatisierte Membran, die unsere Wahrnehmung filtert und formt. Technologien wie Virtual und Augmented Reality verschmelzen die Grenzen zwischen realer und digitaler Wirklichkeit zu einer Hyperrealität wie sie Jean Baudrillard beschrieb. Der Spaziergang im Digitalen ist daher mehr als eine bloße Analogie: Er ist eine kritische Praxis, die die spezifischen Bedingungen digitaler Umgebungen ernst nimmt. Das ist heute relevanter denn je und es ist von großer Wichtigkeit, die unsichtbaren Strukturen, Algorithmen und Machtverhältnisse zu verstehen, die unser Leben so umfassend prägen.
Die Promenadologie als Gegenentwurf zur technokratischen Planung
Lucius Burckhardt entwickelte die Promenadologie als Gegenentwurf zu einer Planungskultur, die den Menschen, seine Sinneswahrnehmung und den Kontext der gebauten Umwelt systematisch ausblendete. In seinem 1974 erschienenen Text „Wer plant die Planung?" schreibt er: „Die Verschlechterung unserer Umwelt ist nichts anderes als die Summe dessen, was bei der Planung als unwesentlich unter den Tisch fiel."
Diese Kritik richtet sich gegen eine Planungskultur, die auf technische Lösungen konzentriert ist, ohne die langfristigen sozialen und ökologischen Folgen zu bedenken. Fast fünfzig Jahre später beschreibt der Journalist Cory Doctorow mit dem Begriff der „Enshittification" einen ähnlichen Vorgang: die systematische Verschlechterung digitaler Dienste durch kapitalistische Plattformen, die Nutzer:innen zunächst anlocken, um sie später auszubeuten. Beide – Burckhardt wie Doctorow – beobachten, wie fehlende Bezüge zur Lebensrealität der Menschen zu einer Verschlechterung der Bedingungen führen. Doch während Burckhardt die physische Umwelt im Blick hatte, analysiert Doctorow die digitale Infrastruktur. Und hierin liegt ein entscheidender Unterschied: Algorithmen und Plattformen sind keine sichtbaren Autobahnen oder Betonklötze. Diese digitale Infrastruktur ist sehr viel undurchsichtiger und gesteuert von Konzernen, deren Interessen selten mit denen der Nutzer:innen übereinstimmen.
Die Methode der Spaziergangswissenschaft hat auch in diesen Kontexten das Potenzial, vom bloßen Sehen zum Erkennen zu führen. Burckhardts Ansatz umfasst dialogische Spaziergänge, die Dokumentation und Reflexion von Beobachtungen sowie ästhetische Interventionen. Die Methode ist bewusst niedrigschwellig und partizipativ: Sie ermöglicht nicht nur Expert:innen, sondern allen Nutzer:innen, ihre Umwelt kritisch zu hinterfragen. Auch unsere digitale Umwelt lässt sich Betrachten, Dokumentieren und Reflektieren. Und eine künstlerische Intervention ist auch im Cyberspace möglich.
Ein möglicher Einwand dieses methodischen Übertrags ist, dass digitale Umgebungen keine Räume im klassischen Sinne darstellen. Sie haben zuerst einmal keine stoffliche Begrenzung und bieten keine haptische Erfahrung. Die Promenadologie aber basiert auf der leiblichen Wahrnehmung. Dem Gehen, der Bewegung im Raum, dem schweifen lassen des Blicks, dem Hören. Lässt sich diese Praxis dennoch auf digitale Räume übertragen, die keine physische Materialität besitzen und primär über Endgeräte erfahren wird?
Doch ein Blick auf die Medienphänomenologie offenbart, dass auch digitale Räume eine Topografie haben. Etwa die Architektur von Social-Media-Feeds oder die Hierarchien von Suchergebnissen. Genau so haben sie eine Geschichte, die sich in der Entwicklung von Algorithmen und Plattformen manifestiert. Die „Bewegung" in diesen Räumen ist zwar keine physische, aber eine kognitive und interaktive: Das Scrollen durch einen Feed, das Klicken und Tappen auf Links, das Navigieren durch Menüs – all das sind Formen einer mediatisierten Fortbewegung, die sich mit den Methoden der Promenadologie untersuchen lassen. Natürlich bleibt die Frage offen, ob eine solche Erkundung dieselbe kritische Tiefe erreichen kann wie ein Spaziergang durch die Stadt.
Digitale Räume als erweiterte soziale Umgebungen
Digitale Räume sind keine neutralen Orte. Sie fungieren als Erweiterungen sozialer und teilöffentlicher Umgebungen, die nach ähnlichen Mustern erschlossen werden wie ihre physischen Counterparts: durch Navigation, Kartografierung, Interaktion und Aneignung. Burckhardt reflektierte in seinen „Promenadologischen Betrachtungen" die Auswirkungen moderner Verkehrsinfrastruktur auf die Wahrnehmung der gebauten Umwelt. Eine U-Bahn-Station, so sein Argument, entlässt ihre Passagiere inmitten einer komplexen Stadtlandschaft, ohne ihnen deren Struktur oder Kontext zu vermitteln. Heute müssen wir für eine solche entkoppelte Erfahrung nicht einmal mehr eine U-Bahn besteigen. Es reicht, den Weg mit Blick auf das Smartphone zurückzulegen, geleitet von Routingalgorithmen unserer Navigationsapps.
Und auch der digitale Raum wurde und wird kartografiert – zunächst durch manuell gepflegte Linklisten, später durch algorithmische Suchmaschinen und heute durch KI-gestützte Empfehlungssysteme. Auch dieser Prozess geht mit einer schematischen Verkürzung einher. Während Nutzer:innen in den 1990er-Jahren das Internet noch aktiv durch Links erkundeten, werden heute fast ausschließlich Suchalgorithmen oder Künstliche Intelligenz zur Navigation genutzt. Vor allem die Such- und Empfehlungsalgorithmen verfolgen dabei das Ziel, Nutzer:innen möglichst effizient zu Zielen zu leiten, die nach marktwirtschaftlicher Logik den größten Gewinn versprechen. Die Folge ist die Attention Economy, der wir heute nahezu schutzlos ausgesetzt sind. Und so ist auch unsere Bewegung im digitalen Raum heute vielfach entkoppelt von der Komplexität der Verlinkung der Inhalte, die wir täglich konsumieren.
Es lässt sich wohl einwenden, dass Algorithmen keine intentional handelnden Akteure wie Stadtplaner:innen oder Architekt:innen sind. Sie folgen vielmehr den Logiken ihrer Programmierer:innen und der Daten, mit denen sie gefüttert werden. Doch gerade diese Unsichtbarkeit der Gestaltung macht eine promenadologische Herangehensweise umso relevanter. Wenn Burckhardt forderte, die impliziten Annahmen hinter städtischen Planungen offenzulegen, dann gilt es heute, die impliziten Logiken von Algorithmen zu entschlüsseln. Hierzu müssen wir unsere digitale Umwelt sorgfältig und achtsam wahrnehmen, ihre Strukturen entschlüsseln und über die Folgen ihrer Logik nachdenken.
Die physische Präsenz des Digitalen
Ein zentraler Aspekt von Burckhardts Kritik betrifft zudem die langfristigen Folgen von Planung – ein Prinzip, das sich direkt auf digitale Infrastrukturen übertragen lässt. Denn auch diese sind nicht immateriell: Sie bestehen aus Rechenzentren, die so viel Strom verbrauchen wie kleine Staaten, und aus Netzwerken von Unterseekabeln, die Meeresökosysteme stören. Microsoft nahm 2024 das bereits stillgelegte Kernkraftwerk Three Mile Island wieder in Betrieb, um seine Rechenzentren an der Ostküste mit Strom zu versorgen. Unter dem Codenamen „Hyperion" plant ein großer Technologiekonzern hyperscale Rechenzentren, die die Fläche Manhattans erreichen sollen – mit einem entsprechenden Energie- und Wasserverbrauch. Studien prognostizieren, dass Datenzentren bis 2025 über 4 % des globalen Stromverbrauchs ausmachen könnten, verbunden mit einem CO₂-Ausstoß von bis zu 80 Millionen Tonnen. Und nicht nur Kommunikationssatelliten verschmutzen unseren Nachthimmel, in einem Blogpost spricht Google 2025 über den Machbarkeit Rechenzentren im All aufzubauen: Mitte der 2030er Jahre soll es soweit sein.
Diese ökologischen Auswirkungen machen deutlich, dass digitale Räume keine entmaterialisierten Sphären sind, sondern in ihnen zugrundeliegende, physische Infrastrukturen eingebettet sind. Und diese verbrauchen Ressourcen und belasten unsere Umwelt. Burckhardts Forderung, die ganzheitlichen Folgen von Planung zu bedenken, gewinnt hier eine neue Dringlichkeit. Eine digitale Promenadologie muss daher nicht nur die Nutzererfahrung, sondern auch die materialen Grundlagen digitaler Umgebungen in den Blick nehmen – von der Energiebilanz der Rechenzentren bis zu den Arbeitsbedingungen der Clickworker:innen in Nigeria oder in den Kobaltminen der Republik Kongo.
Algorithmen und Enshittification
Cory Doctorows Begriff der „Enshittification" beschreibt einen dreistufigen Prozess, in dem Plattformen Nutzer:innen zunächst mit attraktiven Angeboten ködern, dann die Bedingungen verschlechtern, um Profite zu maximieren, und schließlich durch das Verhindern eines einfachen Plattformwechsels eine Abwanderung verhindern. Dieses Muster findet sich bei Social-Media-Plattformen ebenso wie bei Streamingdiensten oder Online-Marktplätzen. Während Lucius Burckhardt die sichtbaren Verschlechterungen der gebauten Umwelt kritisierte – etwa durch autogerechte Städte –, wirkt der Prozess der Enshittification im Verborgenen.
Hier zeigt sich ein zentraler Unterschied zwischen real-physischen und digitalen Räumen: Städtische Planung ist sichtbar und lokal verortbar, während digitale Infrastrukturen oft opak und global verteilt sind. Und trotzdem lassen sich Parallelen finden. Wo Lucius Burckhardt die Dominanz von Verkehrsexpert:innen kritisierte, die Städte nach ihren Vorstellungen formten, prangert Doctorow die Macht weniger Tech-Konzerne an, die das Internet nach ihren Interessen gestalten. In beiden Fällen werden die Betroffenen – ob Stadtbewohner:innen oder Plattformnutzer:innen – von den Gestaltungsprozessen ausgeschlossen.
Methoden einer digitalen Promenadologie (Skizze)
Wenn die Promenadologie im Digitalen mehr sein soll als eine bloße Metapher, braucht es konkrete Methoden, um ihre Prinzipien auch der anzuwenden. Folgende Ansätze bieten sich an:
1. Dokumentation
- Screenshots von Dark Patterns
- Protokolle von Fehlleitungen durch Suchalgorithmen
- Kartografien der Sackgassen, von versteckten oder verlorenen digitalen Räumen (z. B. gelöschte Inhalte, gesperrte Accounts)
2. Kartografie
- Algorithmen und ihre Funktionsweise entschlüsseln und erklären
- Datenströme visualisiert
- Nutzererfahrungen unterschiedlicher Nutzergruppen vergleichen
3. Ästhetische Interventionen
- Algorithmen sichtbar machen
- Alternative Interfaces gestalten und Plattformen subversiv nutzen
- Interaktive Wege finden den Ressourcenverbrauch digitaler Dienste erfahrbar zu machen
Warum wir digitale Spaziergänge brauchen
Lucius Burckhardts Promenadologie ist ein Aufruf, die unsichtbaren Ordnungen der gebauten Umwelt zu erkunden und zu hinterfragen. Diese Haltung ist im Zeitalter der Digitalisierung relevanter denn je – denn auch digitale Räume sind und werden gestaltet, auch sie unterliegen Machtverhältnissen, und auch sie haben physische und soziale Folgen. Eine digitale Promenadologie könnte dabei helfen, die Algorithmen zu entschlüsseln, die unser Handeln lenken, die ökologischen Dimensionen des Digitalen sichtbar zu machen und partizipative Alternativen zu den geschlossenen, von wenigen Tech-Konzerne dominierten Plattformen zu entwickeln und wertzuschätzen.
Es geht nicht darum, die Analogie zwischen physischen und digitalen Räumen überzustrapazieren. Vielmehr geht es darum, Lucius Burckhardts kritischen Impuls aufzugreifen und für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts nutzbar zu machen. Denn es ist heute nicht mehr nur die gebaute, sondern auch unsere virtuelle Umwelt, die unserer Aufmerksamkeit bedarf.
von Felix Dölker